Ich denke gerade oft an ihn, vielleicht weil überall von einer immer schneller werdenden Welt die Rede ist und ich mich frage, was das eigentlich wirklich heißt, jenseits von Schlagzeilen und Konferenzen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich bei meinem Vater nie das Gefühl gehabt, dass die Welt ihm zu schnell wurde. Eher hatte ich manchmal den Eindruck, dass er ihr einen kleinen Schritt voraus war.

Er war ein Mensch, der Menschen verbunden hat. Nicht geplant, nicht strategisch, eher aus Neugier und echtem Interesse. Er wollte wissen, warum jemand so denkt, warum jemand so handelt und wohin jemand unterwegs ist. Er baute Brücken mit einer Selbstverständlichkeit, die heute fast altmodisch wirkt. Und ja, er riss sie auch wieder ein, wenn er merkte, dass sie nicht mehr trugen oder dass man auf ihnen stehenblieb, obwohl der Weg längst weiterführte.

Stillstehen war nichts für ihn. Nicht aus Unruhe heraus, eher aus Wachheit. Als Vorsitzender der Polizeigewerkschaft ging er in Pension und viele um ihn herum hatten das Gefühl, jetzt dürfe es ruhig werden. Für ihn war es einfach der nächste Abschnitt. Er machte sich selbstständig, lernte Neues, übernahm wieder Verantwortung und tat das ohne große Ankündigung, eher so, als wäre es das Normalste der Welt.

Später stellte er sein Leben komplett um und ging ins Ausland. Neue Menschen, andere Gewohnheiten, ein Alltag, der sich nicht mehr an alten Mustern orientierte. Wer ihn kannte, wusste, dass diese Entscheidung nicht aus einem Mangel entstand, sondern aus Lust am Leben. Er wollte sehen, was noch möglich ist, auch jenseits dessen, was man ihm zugetraut hätte.

Was mich daran bis heute beschäftigt, ist nicht seine Laufbahn und nicht seine Rolle. Es ist diese innere Beweglichkeit, dieses Nicht-Festhalten an dem, was einmal gut war. Er hatte kein Problem damit, sich selbst zu verändern, ohne sich dabei zu verlieren. Vielleicht liegt darin etwas, das wir heute oft verlernen, während wir über Transformation reden und über Geschwindigkeit diskutieren.

Wir verwechseln Tempo gern mit Richtung. Stillstand hat wenig mit Alter zu tun und Bewegung wenig mit Jugend, das habe ich bei ihm gelernt, ohne dass wir jemals darüber gesprochen hätten. Ich sehe junge Menschen, die innerlich längst parken, während ihre Kalender überquellen, und ich sehe ältere, die offen bleiben, neugierig, bereit, ihr Leben noch einmal anders zu betrachten.

Vielleicht fordert uns diese schnellere Welt gar nicht dazu auf, schneller zu werden. Vielleicht fordert sie uns dazu auf, beweglich zu bleiben, im Denken, im Umgang mit Menschen, im eigenen Lebenslauf. Orientierung entsteht nicht durch Beschleunigung, sie entsteht durch das Gespür dafür, wann etwas trägt und wann es Zeit ist, weiterzugehen.

Mein Vater hat mir keine großen Sätze mitgegeben. Er hat mir gezeigt, wie man Menschen verbindet, wie man zuhört, wie man loslässt, wenn es nötig ist, und wie man weitergeht, auch wenn der nächste Schritt noch nicht ganz scharf zu erkennen ist. Manchmal denke ich, dass genau darin eine Ruhe liegt, die heute vielen fehlt.

Vielleicht liest du das und denkst an eine eigene Schwelle, an eine Rolle, die noch passt und sich trotzdem nicht mehr stimmig anfühlt, an eine Verbindung, die einmal wichtig war, an einen Gedanken, den du schon länger mit dir trägst. Bewegung beginnt selten mit Gewissheit. Sie beginnt oft mit diesem leisen Gefühl, dass etwas in dir weiter will.

Heute wäre mein Vater 102 Jahre alt geworden. Alt war er nie.