Mehr, als du persönlich kennst. Mehr, als du jemals kontrollieren wirst. Und genau in diesem Moment verändert sich etwas. Leise, aber nachhaltig.

In den letzten Jahr wurden meine Talks – ob digiWiesn oder Theiners Talk von über hunderttausend Menschen gesehen. Auf Social Media sind daraus weit über eine Million Berührungspunkte geworden. Und ungefähr dreißigtausend Menschen haben irgendwann beschlossen, nicht weiterzuscrollen, sondern zu bleiben. Das schreibe ich nicht, um Eindruck zu machen, sondern um eines klar zu sagen: Das sind keine Gesamtzahlen, keine Bilanz, kein Pokal fürs Regal. Es ist eine Momentaufnahme. Und vor allem ein Hinweis.

Denn sobald du mehr Menschen erreichst als dich selbst, trägst du Verantwortung für das, was du sendest. Nicht juristisch, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern ganz schlicht menschlich. Worte bleiben hängen. Haltungen auch. Und manchmal wirken sie länger, als man denkt.

Ich nenne das meinen Job als Architekt der Sichtbarkeit. Nicht, weil es gut klingt, sondern weil das Bild passt. Ein Architekt baut ja nicht, um selbst aufzufallen. Er baut Räume, in denen sich andere bewegen können. Und er weiß, dass schlampige Arbeit nicht immer sofort auffällt, aber fast immer gespürt wird. Genau so ist es mit Sichtbarkeit.

Ich habe viele Menschen und Unternehmen auf ihrem Weg zu mehr Präsenz begleitet. Und erstaunlicherweise ging es dabei fast nie um Reichweite. Es ging um eine andere, deutlich unbequemere Frage: Wie willst du gesehen werden, wenn es unbequem wird? Wenn Gegenwind kommt. Wenn es einfacher wäre, zu schreien oder zu schweigen.

Sichtbarkeit kann eine Waffe sein. Laut, polarisierend, rücksichtslos. Manchmal sogar effektiv. Aber fast immer mit Kollateralschäden. Man sieht das jeden Tag. Sichtbarkeit kann aber auch fein sein. Klar. Standfest. Ohne Geschrei. Ohne Angst vor Haltung.

Ich bin mit einem Satz meiner Mutter aufgewachsen, der mir bis heute im Ohr sitzt: „Wer nur schreit, hat meist nichts mehr zu sagen.“ Das war kein Maulkorb. Das war ein Kompass. Einer, der mir früh gezeigt hat, dass Lautstärke und Klarheit nicht dasselbe sind.

Ich will für meine Kinder kein Schreihals sein. Kein Wüterich, der Aufmerksamkeit mit Lautstärke verwechselt und jede Empörung mitnimmt, nur weil sie Reichweite bringt. Aber ich will genauso wenig der sein, der leise bleibt, wenn Haltung gefragt ist. Der aus Angst vor Gegenwind nichts sagt. Der sich hinter Algorithmen oder Mehrheitsmeinungen versteckt.

Mensch bleiben heißt nicht, weich zu werden. Es heißt, Maß zu halten. Sichtbarkeit ist kein Megafon, das man einfach lauter dreht. Sie ist ein Verstärker. Und Verstärker machen gute Gedanken klarer – aber schlechte unerträglicher.

Deshalb ist nicht die entscheidende Frage, ob du sichtbar bist. Sondern wie. Nicht jedes Thema braucht deine Meinung. Nicht jede Empörung deine Stimme. Und nicht jeder Applaus ist es wert, abgeholt zu werden.

Bleib Mensch. Kein Marktschreier. Aber auch keiner, der sich wegduckt. Denn am Ende hören deine Kinder nicht, wie viele Menschen dir zugehört haben. Sie merken, wie du gesprochen hast.


Während ich diesen Text geschrieben habe, ist mir klar geworden:
Das ist keine Kolumne. Das ist eine Frage, mit der man sich beschäftigen muss, wenn man sichtbar ist.

Deshalb habe ich daraus ein weiterführendes Denkpapier gemacht. Kein Leitfaden für Reichweite. Ein Deep Dive zum Nachdenken, Einordnen und Abwägen.

Für Menschen, die gesehen werden – und entscheiden wollen, wie.

Sichtbarkeit in Verantwortung
Ein Denkpapier für Menschen, die gesehen werden und bleiben wollen. Nicht dafür geschrieben, schneller sichtbar zu werden. Es richtet sich an Menschen, die bereits gesehen werden oder spüren, dass sie an diesen Punkt kommen Unternehmerinnen. Führungspersönlichkeiten. Menschen mit Wirkungskreis.